Fukono itami

Der Schmerz des verlorenen Glücks

Lassen Sie mich ein paar erklärende Worte zur Idee und zum Entstehen dieser vielleicht etwas ungewöhnlichen Verbindung von bachscher Orgelmusik und japanischen Kalligraphien versuchen. "Jedem Kunstwerk wohnt ein bestimmter Ausdruck inne, eine einzige Geste oder Stimmung". Diese Idee der Einheit des Ausdrucks, die ich u.a. von meinen Lehrern G. Bovet und D. Weed erhielt, hat mich von Beginn an fasziniert und nicht mehr losgelassen. Ich finde diese Einheit des Ausdrucks in der tiefen Beschäftigung mit großen Kunstwerken, insbesondere in den Orgelwerken J. S. Bachs. Dieser eine Ausdruck zeigt sich manchmal nach langer und intensiver Übung und Durchdringung eines Stückes ganz plötzlich, aber dann völlig klar in seiner ganzen Schönheit.

In ähnlicher Weise ist es mit dem Wesen der japanischen Schriftkunst. Auch hier kommt, quasi auf einen Blick, in einem Schriftzeichen der ganze Bedeutungskomsmos eines Wortes mit seiner ganzen Philosophie, mit allen Stimmungs- und Gefühlsnuancen zum Ausdruck. Dies ist naturgemäß für den nicht Eingeweihten schwer nachvollziehbar, braucht es doch eigentlich ein jahrelanges intensives Studium der Schriftzeichen. Er kann den Bedeutungskosmos hinter der Schönheit der Kalligraphien nur intuitiv erahnen.

Auch ist der Prozess des Schreibens oder Malens eines japanischen Schriftzeichens in seiner Konzentration, Augenblicklichkeit und Unwiederholbarkeit völlig analog der Ausführung eines Konzertes oder eines Tanzes. Er erfordert völlige Sammlung und Konzentration aller Sinne und Kräfte auf diesen Punkt, das sich Hingeben in diesen Moment, also Meditation!

Wenn dies aber gelingt, dann gibt es weder Zeit noch Raum und wir kommen als Ausführende in Kontakt mit einer anderen Dimension dessen, was wir Wirklichkeit nennen, jenseits aller Worte und Begriffe.

So wagen wir es, Rie Takeda und ich, die Poesie in der Kunst zweier so unterschiedlicher Kulturen miteinander zu verbinden.

Damit aber auch Ihnen als Publikum diese Verbindung gelingt, brauchen Sie ein offenes Ohr für die unbegreifliche Schönheit der Musik J. S. Bachs, Sie brauchen einen wachen Blick, der in den harmonisch geschwungenen Linien der Kalligraphien die Harmonie der Bewegung der Künstlerin wahrnehmen kann und nicht zuletzt brauchen Sie ein offenes Herz, welches den wahren transzendenten und göttlichen Ursprung jeglicher großer Kunst spüren kann.

Ich danke meiner Shodolehrerin und Shodomeisterin Rie Takeda von Herzen, dass sie sich bereit erklärt hat, eigens für diese CD und für das Konzert am 17. März 2013 diese wunderbar passenden Kalligraphien neu zu gestalten und vorzustellen.

Die Kalligraphien bilden zusammen mit meiner kurzen Erklärung zu den einzelnen Stücken eine Einheit und sollen Sie anregen, die Musik Bachs einmal unter einem neuen und vielleicht ungewohnten Blickwinkel hörend zu betrachten.

Der Titel: Fukono itami, auf deutsch "der Schmerz des verlorenen Glücks" bestimmte die Auswahl und Reihenfolge der Stücke. Sie ist nicht zufällig gewählt, sondern stellt einen Spannungsbogen, eine Entwicklung und innere Bewegung der Seele dar.

Widmen möchten Rie und ich diese CD den Kindern in Japan, die noch heute unter den Folgen und dem Trauma der Katastrophe von Fukushima 2011 zu leiden haben. 2.- Euro je verkaufter CD sind zu Gunsten der Kinder von Fukushima.

Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich so tatkräftig und unermüdlich bei der Fertigstellung der CD unterstützt haben: mein Tonmeister, Roger Tristao Adao, der ins stundenlanger Arbeit die komplizierte Aufnahme- und Schneidearbeit geleistet hat und der nicht ruhte, bis er all meine Änderungswünsche aufs bestmögliche erfüllt hatte.

Chieko Hara mein herlicher Dank für die Übersetzung ins Japanische.

Wir wünschen Ihnen viel Freude und Inspiration mit dieser CD!

Otto Haizmann